12. DGI-BBI-Jahrestagung: Kritische Töne gegenüber der Implantat-Industrie
Veröffentlicht am 12.03.2008 von Zahnimaster - mal 1058 gelesen
12. DGI-BBI-Jahrestagung: Kritische Töne gegenüber der Implantat-Industrie
vom 12.03.2008
Fachlich ging es bei der von über 300 Teilnehmern besuchten 12. Jahrestagung des BBI (DGI-Landesverband Berlin-Brandenburg) am 1. März in Potsdam um das Thema Hartgewebe stützt Weichgewebe, Weichgewebe schützt Hartgewebe, letztlich dabei auch um die Frage, wer wann wen stabilisieren kann. Viel brisanter aber war der Anlaß, den Prof. Dr. Dr. Volker Strunz, im Anschluß an die Tagung wiedergewählter BBI-Vorsitzender, für das thematische Konzept genommen hatte: Die Zeit der subperiostalen Implantate ist passé, wir erwarten heute von und für unsere Implantate eine dauerhafte, lang anhaltende Osseointegration und zwar gestützt und geschützt von Hart- als auch von Weichgewebe. Es stelle sich aber leider berechtigt die Frage, so Prof. Strunz, wie sich hier Anspruch und Wirklichkeit verhielten. Bei über 60 Implantatherstellern und ca 130 Implantatypen, einem schier unübersehbaren und damit letztlich nicht einsehbaren Markt, könne vermutlich kaum ein Anwender von sich behaupten, das richtige, das eventuell beste, beständigste, sicherste, einfachste, vielleicht auch günstigste Implantat zu verwenden. Die großen Fragen heute seien: Worauf stützen sich diese Aussagen? Auf Messegeflüster oder Messegeschrei, auf eigene Erprobungen in unserer vielleicht kleinen Praxis - oder gar auf wissenschaftliche Studien? Und dann: Wie sehen diese Studien denn aus, wo wurden sie gemacht? Und wir müssen auch nachfragen dürfen: Von wem wurden sie finanziert? Die Implantologie habe viele Sonnenseiten sowohl für die Patienten als auch für die Behandler, aber sie sei nicht perfekt, und zunehmend habe er den Eindruck, dass Sicherheitsschrauben angezogen werden müssen. Neben Implantatsystemen mit beeindruckenden Erfolgen habe er jüngst Systeme erlebt, die ihm Sorgen und der Implantologie insgesamt Probleme bereiteten. Aus seiner Praxis stellte Prof. Strunz drei Fälle vor, die allesamt zu Implantatverlust führten und zu der Vermutung, dass dies kein Behandlungsfehler war, sondern ein Fehler des Implantats. Prof. Strunz, der die Tagung auch moderierte, stellte die provokante Frage: Wer stützt hier wen? Auf was können wir uns verlassen - oder verlassen uns hier alle guten Geister, die wir riefen?
Kollege Mikrospkop sieht mehr
Dass die Implantologen Grund zur Skepsis haben, zeigte Dipl. Ing. Holger ZipprichFrankfurt anhand einer beeindruckenden Mikrospalt-Studie, präsentiert in einem mikropskopischen Röntgen-Video: Deutlich erkennbar war, wie sich je nach System bei Belastung ein größerer oder kleinerer Mikrospalt öffnete, der Sulkusflüssigkeit in sich reinsog. Die Flüssigkeit verblieb im Implantat. Hier bilden sich Endotoxine, die durch den Pumpeffekt bei Kaubelastung wieder ins das umliegende Gewebe ausgestoßen werden: Mikroplaque wird also auch nach Entfernung rund um das Implantat wieder da sein. Auch platform-switching sei keine Lösung, sondern lediglich eine Verlagerung des Problems. Es gibt aktuelle Implantatsysteme, die sehen eher aus wie ein studentisches Werkstück und nicht wie ein System eines Welt-Herstellers, so Dr. Zipprich. Seine Studie habe gezeigt, an welchen Stellen die Hersteller noch Feinarbeit leisten müssten, es habe sich aber auch gezeigt, dass konische Systeme seltener eine relevante Mikrospaltbildung zeigten und auch weniger Eigenbewegung wie das Ziehharmonika-Einknicken, das Spaltprobleme nach sich zieht. Diesbezüglich habe er auch die Implantatsysteme von Prof. Strunz getestet, die dieser zu Beginn als Misserfolg gezeigt hatte: Hier sei die Implantatschulter eingeknickt, was zu Knochenabbau geführt habe. Eine stabile Verankerung verhindere allgemein, dass das Implantat am Knochen rauf und runter rutscht und die Scherkraft Gewebe zerstört. Das Implantat solle am besten knochenbündig und in fester Verbindung gesetzt werden. Sein Fazit: Bei manchen Systemen gibt es Knochenabbau gratis zum Implantatkauf dazu. Er empfahl den Implantologen ausdrücklich die Entscheidung für nachweislich mikrobewegungsfreie Systeme. (Das Video zur Studie im Internet: www.kgu.dezzmkwerkstoffkunde).
Hochschulkollege relativiert und bestätigt
Auch Prof. Dr. Harald KüpperJena hatte seinen Blick unter anderem auf den Mikrospalt gelegt er relativierte zwar die Bedeutung der Studie von Zipprich: Wir dürfen nicht vergessen, dass die Biologie im Mund federt und die Ergebnisse von denen im Labor sicher etwas abweichen. Aber auch er sah die mikromorphologischen Aspekte als seit Jahren immer wieder belastendes Thema in der Implantatprothetik an: Wir wollen ästhetische Lösungen und keinen Randspalt von 800 Mikrometern. Bei Testungen hätten die aus ästhetischer Sicht eigentlich wünschenswerten Zirkonabutments leider schlecht abgeschnitten: Bei Eigenbewegung platzt rasch etwas weg. Zirkon ist kein weißes Metall, sondern spröde Keramik. Es sei notwendig, dass Rückmeldungen aus Wissenschaft und Praxis an die Industrie gingen, damit die Fehler abgebaut werden. Zu den noch zu optimierenden Problemen gehörten auch sandgestrahlte Oberflächen: In diesem Beispiel stecken die Körner vom Sandstrahlen noch drin, es gibt deshalb nur einen 50 %-Kontakt von Oberfläche und Knochen. Das wird jetzt auch geändert. An einem anderen Beispiel zeigte Prof. Knüpper eine Oberfläche ohne Strahlgut: Es ist auch Aufgabe für uns in den Hochschulen, uns um solche Themen zu kümmern.
Trendwechsel zu kritischerem Umgang
Neben den fachlichen Hart- und Weichgewebsthemen waren die System-kritischen Beiträge ein besonderer Akzent dieser Tagung, in den Kaffeepausen wurde gar von einem Trendwechsel zu kritischerem Umgang mit den Systemen gesprochen und dass die Implantologen aufhören sollten, sich ständig neue und nicht ausgereifte Implantate zuzulegen. Vielleicht haben wir mit dieser Tagung etwas Wichtiges angeschoben, so die Bilanz von Prof. Strunz, der für Programm und die Auswahl der Referenten viel Anerkennung erhielt. Der Erfolg der Implantologie liege auf den Schultern der Implantologen wenn diese aus Wettbewerbsgründen kritische Produkte erhielten, deren Zuverlässigkeit sie selbst nicht beurteilen könnten, sei dies ein Risiko, das sofort angegangen und beendet gehöre. Die Industrie habe auf Kritik konstruktiv reagiert es sei aber wünschenswert, dass Kritik nicht erst in der Praxis aufkomme, wenn Misserfolge sich häuften, sondern im Vorfeld, ehe die Produkte in den Verkauf gingen.
Presseinformation des BBI DGI-Landesverbandes Berlin-Brandenburg vom 12. März 2008
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